Die Familie eines Dreijährigen kommt besorgt: "Seit einem Monat wiederholt er die Wortanfänge. Wir dachten, es geht vorbei, es ging nicht vorbei."

Das ist eine der häufigsten Vorstellungen in diesem Alter. Und die erste Auskunft beruhigt die Familie meist: Ein grosser Teil der im Vorschulalter beginnenden Unflüssigkeiten legt sich von selbst. Doch die zweite Hälfte des Satzes zählt ebenso: Bei welchem Kind das geschieht, wissen wir vorab nicht.

Nicht jede Unflüssigkeit ist Stottern

Zwischen zwei und fünf Jahren entwickelt sich die Sprache am schnellsten. Der Satz im Kopf des Kindes ist komplexer, als der Mund ihn bilden kann. Dieses Missverhältnis führt zu Stolpern beim Sprechen.

Das nennt man entwicklungsbedingte Unflüssigkeit, und die meisten Kinder zeigen sie.

Unterschieden wird so:

Bei entwicklungsbedingter Unflüssigkeit wiederholt das Kind meist ein ganzes Wort oder eine kurze Wortgruppe: "ich-ich-ich gehe". Die Wiederholungen sind wenige, es gibt keine Anstrengung, und das Kind bemerkt es nicht.

Beim Stottern liegt die Unflüssigkeit auf Laut- oder Silbenebene: "i-i-ich". Ein Laut kann gedehnt werden, oder das Sprechen hält einen Moment ganz an, während das Kind sich müht, das Wort herauszubringen. Anspannung im Gesicht, Blinzeln oder Handbewegungen können hinzukommen.

Im zweiten Bild ist sich das Kind der Lage meist bewusst, und dieses Bewusstsein kann mit der Zeit in Sprechvermeidung übergehen.

Woher kommt es?

Zuerst ist der verbreitetste Irrtum zu korrigieren: Stottern entsteht nicht durch Schreck, Trauma oder falsches Verhalten der Eltern.

Diese Annahme ist weit verbreitet und schadet, weil sie der Familie Schuldgefühle auflädt und das Kind unnötigen "Korrekturversuchen" aussetzt.

Nach heutigem Kenntnisstand hängt Stottern mit den neuronalen Abläufen zusammen, die Produktion und zeitliche Steuerung des Sprechens organisieren. Eine erbliche Veranlagung ist deutlich: Bei familiärer Belastung tritt Stottern häufiger auf.

Stress spielt eine Rolle, aber als Verstärker, nicht als Auslöser. Bei Aufregung, Müdigkeit oder Eile nimmt die Unflüssigkeit zu, in Ruhe ab. Diese Schwankung gehört zum natürlichen Verlauf und sollte nicht zu dem Schluss führen: "Mal macht er es, mal nicht, also ist es eine Angewohnheit."

Bei welchen Kindern bleibt es eher bestehen?

Eine sichere Vorhersage gibt es nicht; einige Merkmale beeinflussen jedoch die Entscheidung zur Verlaufskontrolle:

  • Unflüssigkeit länger als sechs Monate
  • Beginn nach dem vierten Lebensjahr oder Fortbestehen darüber hinaus
  • Stottern in der Familie
  • Zunahme statt Abnahme
  • Anzeichen von Anstrengung (Gesichtsanspannung, Mitbewegungen)
  • Beginnende Sprechvermeidung
  • Eine begleitende Sprach- oder Entwicklungsauffälligkeit

Treffen mehrere davon zusammen, veranlassen wir die Abklärung ohne Abwarten.

Wie geht man zu Hause damit um?

Was die Familie tun kann, wirkt stärker als vermutet. Doch das Nötige ist oft das Gegenteil dessen, was Eltern instinktiv tun.

  • Hinweise wie "sprich langsam", "atme tief durch", "bleib ruhig". Sie lenken das Kind auf sein Sprechen und verstärken die Unflüssigkeit.

  • Den Satz vollenden, das Wort vorsagen

  • Unterbrechen, "denk erst nach, dann sprich" sagen

  • Vor anderen darüber reden

  • Das Sprechen anderen "vorführen", wiederholen lassen

  • Das eigene Sprechtempo verlangsamen. Das allein ist die wirksamste Massnahme. Langsam zu sprechen wirkt; dem Kind zu sagen, es solle langsam sprechen, nicht.

  • Warten, bis der Satz zu Ende ist; Blickkontakt halten.

  • Nicht mit Fragen überschütten; täglich einige Minuten für ruhiges Gespräch einplanen.

  • Wo es Redereihenfolgen gibt, dem Kind seinen Platz geben und deutlich machen, dass es nicht unterbrochen wird.

  • Auf ausreichenden Schlaf achten; Müdigkeit verstärkt die Unflüssigkeit.

  • Auf das reagieren, was das Kind sagt, nicht darauf, wie es das sagt.

Wann zur Fachperson?

Eine logopädische Abklärung wird veranlasst, wenn:

  • Die Unflüssigkeit länger als sechs Monate anhält
  • Sie über das fünfte Lebensjahr hinaus besteht
  • Sie zunimmt
  • Anzeichen von Anstrengung bestehen
  • Das Kind das Sprechen meidet oder sagt "ich kann es nicht sagen"
  • Eine familiäre Vorgeschichte besteht (frühere Abklärung)

Die frühe Abklärung dient nicht der "Frühdiagnose", sondern dem richtigen Verlaufsplan. Der Gang zur Logopädie bedeutet nicht bei jedem Kind sofortige Therapie; bei einem Teil genügen Elternberatung und Verlaufskontrolle.

Bei Kindern kurz vor der Einschulung sollte die Abklärung nicht aufgeschoben werden: In dieser Zeit setzen Reaktionen der Gleichaltrigen ein, und ein Kind, das das Sprechen meidet, vergrössert das Problem.

Geschwister und Gleichaltrige

Dass ein Geschwister zu Hause nachahmt oder lacht, kommt häufig vor. Es verstärkt das Stottern nicht, mindert aber die Sprechfreude des Kindes.

Dem Geschwister sollte ausserhalb der Hörweite des Kindes altersgerecht erklärt werden, dass jeder manches anders macht und Spott verletzt. Bei Schulkindern hilft zudem das Gespräch mit der Lehrkraft.

Kurz gefasst

Die meisten im Vorschulalter beginnenden Unflüssigkeiten vergehen — doch "es vergeht" heisst nicht "abwarten". Hält es an, nimmt es zu oder strengt sich das Kind an, veranlassen Sie eine Abklärung.

Am meisten hilft zu Hause nicht der Versuch, das Sprechen zu korrigieren, sondern eine Umgebung, in der das Kind ohne Eile sprechen kann.